7 Untugenden des Informatik-Studenten

G. Snelting

(Dieser Text entstand 1989 an der TU Darmstadt, als ich der verantwortliche Assistent für die "Einführung in das Haupstudium" war. Das meiste davon ist immer noch aktuell.)

Die "Orientierung über das Hauptstudium Informatik" hat im wesentlichen zwei Aufgaben: zum einen sollen Studienplan und Prüfungsordnung erläutert werden, zum anderen stellt jeder Hochschullehrer die Schwerpunkte seiner Arbeit und die von ihm angebotenen Lehrveranstaltungen vor. Dabei ist es nur natürlich, daß die einzelnen Arbeitsgruppen die Veranstaltung in erster Linie als Gelegenheit begreifen, die Werbetrommel zu rühren; von der angestrebten "Orientierung" ist trotz gewisser Bemühungen der Fachschaft nicht allzuviel zu spüren. Im Laufe meiner Tätigkeit sind mir aber immer wieder Verhaltensweisen von Studenten aufgefallen, die ich - obwohl es eine "richtige" Art zu studieren nicht gibt - für falsch halte. Diese habe ich in der folgenden Liste zusammengestellt, die natürlich weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Allgemeingültigkeit erhebt.

Vernachlässigung der Theorie

"Die durch Abstraktion entstandenen Konstrukte der Informatik als Bedingungen möglicher Information sind zugleich die Bedingungen der möglichen Gegenstände der Information in den Anwendungen" sagt H. Wedekind in Anlehnung an eine Aussage Kants aus der "Kritik der reinen Vernunft". Informatik wird immer abstrakter, und das Entwickeln brauchbarer Abstraktionen ist nachgerade der Kern der Tätigkeit des Informatikers. Sehr schön kann man das an der Entwicklung der Programmiersprachen beobachten: Assemblersprachen bedeckten die nackte Hardware mit einem dünnen Mäntelchen; heutige Sprachen der 5. Generation basieren auf abstrakten mathematischen Konzepten (Logik und Lambda-Kalkül) und ermöglichen gerade dadurch enorme Produktivitätssteigerungen. Insgesamt wird die Informatik immer mehr zur Grundlagenwissenschaft; Mathematik, insbesondere Algebra spielt eine immer größere Rolle. Die theoretische Durchdringung des Faches ist deshalb zumindest für den Kerninformatiker essentiell. Der Student, der das nicht glauben mag und den theoretischen Grundlagen ausweicht, wird in 10 Jahren mit leeren Händen dastehen, denn er wird dann die neuen Entwicklungen nicht mehr verstehen.

Vernachlässigung des Handwerks

Zuweilen drängt sich dem unvoreingenommenen Dozenten der Eindruck auf, daß manche Studenten ihre Programme im Biergarten schreiben. Auf diese Idee könnte man jedenfalls kommen, wenn man sieht, wie chaotisch und technisch unreif manche Praktikumsaufgaben aussehen. Dies ist sehr schlecht, denn unabhängig von der oben festgestellten Bedeutung der Theorie gilt nach wie vor: solide Programmierkenntnisse bilden das elementare Handwerkszeug eines jeden Informatikers. Dieses Handwerk sollte eigentlich mit dem Vordiplom beherrscht werden, in der Praxis sieht die Sache aber oft anders aus. Ein Grund dafür mag zwar in der Struktur der Grundausbildung zu suchen sein (ein Erstsemester, der ständig Programme verifizieren soll, wird möglicherweise die eigentliche Programmiertechnik nicht erlernen). Dennoch haben manche Studenten eine gewisse Kunst in der Übung entwickelt, größeren Programmierprojekten auszuweichen. Dies sind dieselben, die bei der Stellensuche alsbald einem Fachhochschulabsolventen unterliegen, denn: Fachhochschulinformatiker können programmieren.

Zu frühe Spezialisierung

"Ein Bild sagt mehr als tausend Worte" ist ein beliebter Wahlspruch eines prominenten Vertreters des Fachbereichs. Dieser (der Wahlspruch, nicht der Vertreter) verleitet manche Studenten zu der Annahme, daß es sich nicht lohnt, sich mit etwas anderem zu beschäftigen, woraufhin sie alle sonstigen fachlichen Aktivitäten auf ein absolutes Minimum reduzieren. Ziel eines wissenschaftlichen Studiums ist jedoch die Vermittlung eines soliden Fundamentes, das insbesondere den Absolventen in die Lage versetzen soll, sich später auf neue technische Entwicklungen einzustellen ("learn to learn"). Zu keinem späteren Zeitpunkt hat man mehr die Möglichkeit, sich soviel breites Grundlagenwissen anzueignen wie auf der Hochschule, und wer diese Möglichkeit nicht nutzt, demonstriert damit lediglich seine Unfähigkeit zu strategischem Denken. Frühzeitige Überspezialisierung mag kurzfristig gewinnträchtig sein; mittelfristig ist sie nutzlos, und langfristig ist sie schädlich.

Vereinnahmung durch die Industrie

Kooperationen zwischen Hochschule und Industrie sind sehr beliebt geworden, und der Autor möchte vermerkt wissen, daß er kein Feind solcher Kooperationen ist - im Gegenteil. Viele Studenten schätzen die Möglichkeit, externe Praktika, Studien- oder Diplomarbeiten zu machen, bieten sie doch den Vorzug großer Praxisnähe und die Möglichkeit, einen potentiellen Arbeitgeber von den eigenen Qualitäten zu überzeugen. Man muß sich allerdings darüber im klaren sein, daß studentische Industrieprojekte auch erhebliche Nachteile mit sich bringen können. Zum einen fehlt in solchen Projekten oft jeder wissenschaftliche Anspruch, inhaltlich bieten sie nur eine magere Ausbeute (für den Studenten, nicht für den Auftraggeber). Zum anderen sind unbezahlte externe Arbeiten nichts als Selbstausbeutung. Ein williger Student kostet eine Firma nichts (abgesehen von der üblichen Spende an das betreuende Hochschulinstitut), leistet aber oft genauso viel wie ein fertiger Diplominformatiker. In Anbetracht der momentanen Arbeitsmarktsituation sollte man sich deshalb gut überlegen, ob man sich freiwillig zum umsonst arbeitenden Programmierneger degradiert. Merke: Industriekooperationen sind gut, solange die Industrie anständig zahlt, die Autonomie der Hochschule nicht angetastet wird, und die Wissenschaftlichkeit des Studiums gewahrt bleibt.

Mangelnde Frustrationstoleranz

Auf dieser Welt ist nichts umsonst. Manche Studenten scheinen zu glauben, daß die Gesellschaft verpflichtet sei, sie mit Studienplätzen, Diplomen, Doktorhüten etc. zu versorgen, sehen aber nicht, daß die Gesellschaft für das Geld, das sie in die Hochschulen steckt, auch eine gewisse Gegenleistung erwarten kann. Ein derartiges Anspruchsdenken, zuweilen sehr schön im letzten Streik zu beobachten ("Wir wollen mehr Rechner und weniger Prüfungen"), ist sehr gefährlich, denn es verstellt den Blick für die Tatsache, daß man selbst für sein Leben verantwortlich ist und seinen eigenen Weg suchen und gehen muß. Es ist sehr wichtig, daß man sich klare Ziele definieren und diese Ziele auch gegen Widerstände durchsetzen kann. Dazu gehört auch Glaube an sich selbst und die Fähigkeit, sich selbst zu motivieren und sich nicht von Rückschlägen entmutigen zu lassen.

Vernachlässigung des sozialen Umfeldes

Jedermann kennt das Hackersyndrom, das ansonsten ganz vernünftige Studenten dazu bringt, Tag und Nacht am Rechner zu sitzen, die Kommunikation mit lebenden Wesen abzubrechen und sich ansonsten nurmehr von Hamburgern und Coca-Cola zu ernähren. Über die Ursachen und Auswirkungen dieses suchtartigen Verhaltens ist schon viel geschrieben worden, so daß ich mich an dieser Stelle auf den Hinweis beschränken möchte: Schmusen ist wichtiger als Hacken.

Vernachlässigung von Sprache & Kultur

Bei manchen Informatikern kann man eine eigenartige Kommunikationsfähigkeit beobachten. Mit formalen Sprachen und Systemen vermögen sie hervorragend umzugehen, aber mit der Kompetenz für natürliche Sprache hapert es gewaltig. Dies äußert sich in dem Unvermögen, jemandem zu erklären, was man da eigentlich macht; von der Fähigkeit, einen halbwegs kohärenten Vortrag über seine Sache zu halten ganz zu schweigen. Abgesehen davon, daß schleichender Sprachverlust Symptom eines bedauernswerten kulturellen Verfalls ist, muß man klar sehen, daß sprachliche Inkompetenz auch einer erfolgreichen Berufstätigkeit im Wege steht. Denn jeder Informatiker ist ständig mit der Situation konfrontiert, Arbeitsergebnisse präsentieren zu müssen, und die Fähigkeit zur präzisen Darstellung ist ein großes Plus. Darüberhinaus soll es auch Chefs geben, die Menschen mit guter Allgemeinbildung bevorzugen. Es ist deshalb keine Schande, in einer Buchhandlung gesehen zu werden, und ich möchte abschließend darauf hinweisen, daß es in dieser Stadt auch eine sehr gute Oper gibt!